Wo kommt dieses Lebensmittel eigentlich her?

Auch ich möchte gerne etwas zum Wettbewerb um die größte Verbraucherverarsche beitragen. Nachfolgend ein “kleiner” Erlebnisbericht unter dem Motto “Auf der Suche nach der Herkunft von Mehl”.

In unserer Region gab es seit einiger Zeit Gerüchte, dass bei einer Mühle auch Getreide aus China zu Mehl verarbeitet wird. Dem wollte ich nachgehen und da ich von einer Freundin schon gehört hatte, dass sie auf mehrere E-Mails an Verantwortlichen der Mühle keine Antwort erhalten hatte, versuchte ich es selbst. Vielleicht haben ja manche Verbraucher nichts gegen China, das muss ja nicht unbedingt schlechte Qualität sein (wobei ich mich schon frage, wie das kontrolliert werden soll), aber ich lehne aus politischen und Menschenrechts-Gründen Produkte und erst Recht Nahrungsmittel aus diesem Land ab.

Da auf der Packung ja nichts steht, wollte ich es genauer wissen und schrieb Anfang April 2013 drei Mühlen in der Region an. Von einer (kleineren) Mühle erhielt ich nach kurzer Zeit eine zufriedenstellende und glaubwürde Antwort. Von den anderen beiden großen – Schweigen im Walde.

Eine Nachfrage Ende April beim Verbraucherlotsen des Verbraucherschutzministeriums ergab die erwartete Antwort: es sei gesetzlich nicht vorgesehen, dass Mühlen die Herkunft ihrer Zutaten auf der Verpackung bekannt geben müssten. Ansonsten nur Lobeshymnen auf die Arbeit von Frau Ministerin Aigner.

Doch ich gab nicht auf: eine weitere Anfrage beim baden-württembergischen (grünen) Verbraucherschutzministerium folgte. Auch hier keine hilfreiche Antwort. Also sollten “meine” Volksvertreter ran: ich schickte E-Mails an diverse Bundes- und Landtagsabgeordnete meines Stadt- und Landkreises.

Das Ergebnis in Kurzfassung:

CDU: gleicher Tenor wie der Verbraucherlotse, man müsse das nicht bekanntgeben, aber man werde meine Anfrage an das Landwirtschaftsamt weitergeben. Als von dort nach drei Wochen keine Antwort kam, fragte ich erneut nach und erhielt von der Amtsleiterin des Landwirtschaftsamtes die Antwort, es lägen “keine Informationen oder Statistiken” vor und man könne mir gerne den Aufgabenbereich des Landwirtschaftsamtes erläutern. Dass die nämlich gar nicht zuständig sind, war mir in der Zwischenzeit auch klar geworden (danke für den falschen Hinweis, liebe CDU-Politiker). Für die Lebensmittelkontrolle ist nämlich das Veterinäramt zuständig.

SPD: ähnliches Bild: man bedauert, dass es keine Infos auf den Verpackungen gibt, man selbst wäre ja für die genaue Kennzeichnung, aber die Bundesregierung bzw. die Wirtschaftslobby in D und in der EU würde sich dagegenstellen. Aber immerhin gab es den Hinweis, dass es ein sogenanntes Verbraucherinformationsgesetz gibt. Demnach MÜSSEN die zuständigen Ämter einer Verbraucheranfrage nachgehen. Man nannte mir das angeblich zuständige Amt in der Landeshauptstadt, aber auch von hier die Antwort, man habe keine Infos und ich solle mich an das zuständige Veterinäramt in meiner Stadt wenden. Und noch eine Info erhielt ich von der SPD: Aus einer Pressemitteilung des Mühlenverbandes (Achtung Lobbyarbeit!) geht folgende verbraucherschützende Logik hervor: “…denn lückenlose Herkunftskennzeichnung heißt: auch alle Lebensmittelzutaten müssen einzeln gekennzeichnet werden. Damit würden die ohnehin vollen Etiketten der Lebensmittelverpackungen noch mehr überfrachtet; das kann sich kein Verbraucher wünschen.” Nein, Klarheit wünscht sich keiner, lieber “fressen” wir weiter medikamentenbelastete Pferde aus Rumänien, Bio-Eier von unglücklichen Hühnern und warten auf die nächsten Lebensmittelskandale. 

Doch ich gab so schnell nicht auf und gab die Namen der beiden Mühlen in Internetsuchmaschinen ein. Da fand sich doch tatsächlich die eine Mühle in einem Verband, der den Geschmack des Südens propagiert und wo die Produkte besagter Mühle mit “…Erzeugnisse von besten Mahlerzeugnissen aus eigenem Anbau und Verarbeitung” beworben werden. Dort nachgefragt, ob man wisse, wo das Getreide herkommt, erhielt ich die Antwort dass man  “…aus unserer Kenntnis heraus keine befriedigende Auskunft zur Getreideherkunft bei der Mühle geben” könne. Hinter der Kampagne steckt eine Fördergesellschaft für Produkte aus Baden-Württemberg. Hört sich schön an,  genau wissen tut man nicht, wo das Zeugs herkommt, man bewirbt es aber vollmundig. Immerhin wurde meine Anfrage an die besagte Mühle weitergeleitet und tatsächlich erhielt ich eine Woche später eine Antwort (mit der Info, man hätte meine erste Mail nicht erhalten und würde in der Region und in Ungarn anbauen).

Und auch von der anderen Mühle kam inzwischen eine Rückmeldung, nachdem ich im Netz einen Mühlenverbund gefunden hatte, der meine Anfrage dann weitergeleitet hatte. Irgendwie komisch, dass sich auch diese Mühle in ihrer dann folgenden Antwort entschuldigte, man habe die erste Mail nicht bekommen… Die Auskunft lautete jedenfalls: Anbau in der Region bzw. in der EU.

In der Zwischenzeit hatte ich auch mit dem Veterinäramt des Landkreises per E-Mail Kontakt aufgenommen und mich auf das Verbraucherinformationsgesetz berufen. Nach etwas mehr als einer Woche kam die Antwort, die die Infos aus der Mühle, dass man in der Region und in der EU anbaut, bestätigte.

Das kann ich jetzt bei beiden glauben oder nicht. Aber darum ging es ja schon lange nicht mehr. Es hat sich einfach gezeigt, dass es dafür nur schwer Beweise von einer offiziellen Stelle gibt und jeder die Zuständigkeit auf den anderen schiebt bzw. nicht mal die Politiker wissen, wer verantwortlich ist – woher soll es dann der Verbraucher wissen?!

Mein Fazit: die Skandale der letzten Jahren haben gezeigt, dass auf die Lebensmittelkontrollstellen wenig Verlass ist. Was ich nicht mal den Personen selbst anlasten würde, die geben bestimmt ihr Bestes, es krankt am System bzw. mangelt am Geld, genügend Personal einzusetzen, die genau und oft genug kontrollieren. Wenn man schon nicht fähig ist, Produkte aus Deutschland bzw. Europa zu kontrollieren, wie will man dann im großen weltweiten Markt wissen, was wo herkommt und was drin ist (aber Hauptsache man öffnet eine neue Freihandelszone mit den USA und lässt viel Gen- und andere unkontrollierbare Waren rein). Und wenn der nächste Skandal aufgedeckt wird (in den seltensten Fällen von den Kontrolleuren selbst), dann tut Frau Aigner wieder schön empört und ruft einen weiteren Gipfel aus.

Nicht zuletzt sorgen die tausenden Lobbyisten in Berlin und Brüssel für eine Intransparenz, die europaweit Verbraucheraufklärung und Lebensmittelsicherheit verhindert. Danke liebe Politik und liebe Lobbyisten für diese Verarsche!

 

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