Kosumentendschungel

Gäbe es einen Wettbewerb „Erster Preis für dummes Gesicht“ – ich würde ihn gewinnen. Ich bin irritiert. Darüber, wie Politik & Medien uns beeinflussen und darüber, wie ich mich dabei erwische, beeinflusst worden zu sein. Das steht mir eventuell irgendwann im Gesicht und dann ist der Preis meiner.

 

Bis vor wenigen Monaten gruselte ich mich vor den täglichen Neuigkeiten der Eurokrise. Einmal im Leben war da ein bisschen Geld, mit dem ich etwas anfangen konnte und ich grau(l)te mich davor, dass es einfach so im Schlund der unüberschaubaren Finanzmärkte und –machenschaften verschwinden könnte. Zugleich musste ich mich schütteln, da meine Bank mir in regelmäßigen Abständen „gut gemeinte“ Beratungsgespräche für eine sinnvolle Anlage angeboten hat. Es ist mir bis heute ein Rätsel, was an meinem wiederholt deutlichen NEIN nicht zu verstehen war. Es bewirkte eher, dass die Bank sich erst richtig an meine Fersen heftete.

Nach drei Jahren eigener Leidenszeit habe ich, sehr zum Leidwesen meiner Bank, außerhalb jeder gut gemeinten Ratschläge, investiert: In eine eigene Immobilie. Seitdem schlafe ich besser.

 

Mit dem Umzug fand mein alter Fernseher ein hübsches, neues Plätzchen.

Zugegeben – die neue Entfernung von der Couch zum 19’’Zoll Bildschirm war nicht wirklich das, was man sehenswert nennen würde. Auch mit der Brille auf der Nase wurde es nicht viel besser. Aber: Die Technik an sich funktionierte. Und so lange Technik funktioniert, bleibe ich dabei.

 

Natürlich bekomme ich mit, dass es „da draußen“ „was Neues“ gibt. Aber was bitte ist „was Neues“?

Um das herauszufinden müsste ich mich intensiv damit beschäftigen. Will ich das? Es würde bedeuten, dass ich in den Dschungel technischer Details & neuester Features eintauche, um mich unbeeindruckt von jeglichen Marketingstrategien der Hersteller „frei entscheiden“ zu können. Geht das?

Unter der Voraussetzung, dass ich keine Ahnung von Technik & neuen Features habe, würde ich entweder jeder Marketingstrategie voll aufsitzen oder sehr viel Zeit zum Recherchieren verbraten müssen. Weder das eine noch das andere finde ich verlockend unter dem Blickwinkel, dass „was Neues“ technisch gesehen gerade mal nicht wirklich gebraucht wird. Also kneife ich die Augen zusammen und bleibe bei der alten Röhre – ist, schrotttechnisch gesehen, auch viel umweltfreundlicher (mal abgesehen davon, dass sie wahrscheinlich zu viel Strom frisst…)

 

Als hätte mein Fernseher Gedanken & Zweifel mitbekommen, fängt er nach nur vier Monaten im neuen Heim an, Zicken zu machen. Einfach so. Ignorieren hilft jetzt auch nichts mehr. Blöd gelaufen.

 

Keine Ahnung von nix folge ich den gut gemeinten Ratschlägen von Freunden, Bekannten & Kollegen:

  • Erstmal im Internet schlau machen was es so gibt.
  • Dann im Laden ansehen gehen, denn die Bilder im Netz sagen oft nicht viel aus. Ggf eine kurze Beratung vor Ort („Aber lass Dich bloß nicht volllabern…!“)
  • Und am Ende übers Internet für Best Price kaufen & direkt nach Hause liefern lassen.

 

Also ran ans www. Wird ja wohl nicht so schwer sein.

Aber es prasselt all das auf mich ein, was ich so gerne vermieden hätte.

  • Alleskönner sind sie. Weniger ist mehr. Brilliante Bildqualität. Elegantes Design. (sehr frauentauglich…);
  • mit integrierter Fernsehkamera ist man mit der Online-Welt in Verbindung; Unterhaltungen und Textnachrichten sind möglich (aber ich wollte doch eigentlich nur fernsehen…);
  • Zoll, LED, Plasma, LCD, HD, HDMI, USM, Scart, Hz, Pixel, PMR, XL, WiFi, WLAN, Remote, eco (genau, ich weiß total bescheid…)

Kaufentscheidung = Fehlanzeige. Mit all meinem gesammelten „www-Wissen“ kann ich nichts anfangen – totale Überforderung. Ich fühle mich theoretisch vollgelabert (sollte ich mich davor nicht erst im Fachhandel in Acht nehmen?). Ich weiß immer noch nicht, was richtig ist.

Aber die Verlockungen sind groß. Größer.Brillianter.Smarter. Und abschließend taucht bei mir die Frage auf: Können die jetzt auch Kaffee kochen, oder was?

 

Abgeschreckt tue ich erstmal nix. Erst als die 17-jährige „Freundschaft“ mit der alten Röhre wenig später wirklich zu Ende geht und die grobe Körnung auf dem Bildschirm von einem freundlichen schwarz abgelöst wird, stürze ich mich in den Konsumentendschungel.

Nu, aber schnell! Zugegeben, eine der schlechtesten Voraussetzungen für einen gut überlegten Einkauf.

Für eine Online-Bestellung ist jetzt keine Zeit mehr: zu gering die Verfügbarkeit, zu lang die Lieferzeiten und am Ende hole ich die Sendung aufgrund der arbeitnehmerfreundlichen Lieferungen zwischen 09:00 bis 17:00 Uhr doch nur wieder bei der Post ab.

Mit offenem Mund und großen Augen laufe ich durch die Ausstellung eines großen Medienanbieters. Stunden später hat mein Gehirn alle mühsam erlernten technischen Details fast ausgeblendet und sich mit der Optik zweier Modelle angefreundet. Der freundliche Fachberater erklärt mir, dass die Hz-Angaben mit Vorsicht zu genießen sind, denn: Hersteller A weist 300 Hz aus, was aber nicht drin ist, während die bei Hersteller B ausgewiesenen 200 Hz weit übertroffen werden. Was entnehme ich daraus: Es ist nicht drin was drauf steht und frage mich: Wozu die ganze Recherche? (Ich jetzt: Ganz dummes Gesicht. Hoffentlich fällt’s nicht so auf.) Kurze Zeit später ist das geplante Budget gesprengt und ich fahre mit handlichen 40’’ nach Hause.

Irgendwie komme ich mir dumm vor… Was ist da denn gerade mit mir passiert?

 

Alles richtig gelaufen. Für Marketingstrategen & Hersteller bestimmt.

Alles richtig gelaufen. Auch für den Netzbetreiber, da nun das digitale Fernsehen auch in meiner Welt angekommen ist. Bedeutet: Upgrade meiner bisherigen Verbindung! Im Angebot: Das Basispaket ohne zusätzliches Empfangsgerät. Großartig meine ich auf den ersten Blick, da der Fernseher ja schon alles eingebaut hat. Der Netzbetreiber meint das allerdings nicht. Denn nur dann braucht man kein zusätzliches Empfangsgerät, wenn man bereits ein solches dieses Unternehmens besitzt. Es stört sich nicht daran, dass die neuen Geräte die Technik bereits eingebaut haben. Wer das nötige Gerät vom Anbieter nicht besitzt, muss einmalig drauf zahlen – oder kündigen. Aber das geht auch nicht so leicht. Ich fass’ es nicht!

Alles richtig gelaufen. Auch für die Kassen technischen Zubehörs, denn neue Kabel und Anschlussbuchsen sind erforderlich. Analog war eben gestern.

Alles richtig gelaufen. Für mich auch? Na ja. Immerhin. Ein neuer Fernseher ist da.

Die Verwirrung bleibt. Hoffentlich hält die neue Technik so lange wie die alte und verabschiedet sich nicht kurz nach der Garantie Dank eines eingebauten Knock-out Chips, damit ich mir das so lange wie möglich aufs Neue ersparen kann.

 

Und meine alte Röhre? Sie ist in den Sondermüll gegangen. Bleibt zu hoffen, dass die Sonderentsorgung so läuft, wie ich mir das guten Gewissens vorstelle und das „giftige Ding“ nicht auf einem Schrottplatz in Bangladesch oder woanders in die Hände von Kindern gerät.

 

Wie macht man alles richtig richtig?

In meinem persönlichen, kleinen Dschungel fühle ich mich relativ sicher: Augen auf beim Lebensmittelkauf – lieber Bioladen als Supermarkt – lieber Glas als Plastik (und es gruselt mich immer wieder aufs Neue, wie oft man sich dem Kunststoff nicht entziehen kann!) – lieber Rad als Auto, sobald die Möglichkeit besteht – lieber Wasser aus dem Hahn als sinnlos Wasser in Flaschen durch die Gegend tragen – lieber ein selbst gemachter grüner Smoothie als ihre zuckerreichen Verwandten aus dem Kühlregal – Mülltrennung, selbstverständlich.

Und im großen Dschungel? unsicher, oft ratlos, wenig Vertrauen, ausgetrickst.

 

Wie geht es ein bisschen richtiger?

Vielleicht u.a. mit dem Schritt raus aus der Anonymität der Klagenden, auch wenn dieser belächelt werden könnte. Vielleicht könnte die Geschichte ja auch peinlich sein? Ja, könnte sie. Meine ist es ein wenig. Aber wahrscheinlich bin ich damit nicht alleine.

 

 „Wer weiß, dass er verarscht wird, hat die Freiheit gewonnen zu entscheiden, was er daraus macht.“ Sehr richtig! Und ich werde versuchen mich täglich daran zu erinnern, um nicht (wieder) in die gut ausgelegten Fallen zu tappen.

 

 

P.S. Übrigens – jetzt, wo ich größer.brillianter.smarter fernsehe, fange ich an, mich dabei fürchterlich zu langweilen. Vielleicht sehe ich das jetzt alles zu genau… Darüber muss ich mir auch mal zwei Gedanken machen. Aber das an anderer Stelle…

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  1. Hallo, danke füpr Deine Schilderungen und das dumme Gesicht. Habe mich darin selber wieder gefunden und herzhaft gelacht. Dich nicht ausgelacht,sondern mich amüsiert,wie das Leben so spielt und wir uns selbst auf die Schlcihe/Spuren kommen.. Ganz schön mutig. Fazit:so einen Fernseher brauche ich nicht!!Gruß Petra Koschnik-schönes Wochenende-wie wundersam, was geschehen kann, wenn man genau hinschaut und Das Ganze Große größer sieht.

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